Soziales

Durch meine Arbeit als Berufsbetreuer erfahre ich viel von den Lebenssituationen anderer Menschen. Wer eine*n Berufsbetreuer*in an seine Seite gestellt bekommt, benötigt aufgrund einer Erkrankung zeitweise oder dauerhaft eine Unterstützung bei der Regelung seiner Angelegenheiten.

In den meisten Fällen sind dann erstmal Anträge zu stellen, damit das Hilfssystem, welches unser Staat ja durchaus bietet, auch ans Laufen kommen kann. Dabei stößt man jedoch immer wieder an die Grenzen dieses Systems.

Die Behörden leiden zumeist unter den Folgen einer aufgezwungenen Sparpolitik, die nicht selten zu Schwierigkeiten und zu langen Bearbeitungszeiten führt. Bis dann mal die erwartete Unterstützung eintrifft, können durchaus mehrere Monate vergehen. Besonders schwierig wird es aber, wenn jemand durch das System fällt. So werden Erkrankte manchmal nicht als solche anerkannt. Ein ALG II Empfänger, der seinen Mitwirkungspflichten aufgrund einer Erkrankung nicht nachkommen kann, läuft beispielsweise ständig Gefahr, sanktioniert zu werden. Im Zweifel drohte bisher sogar der komplette Entzug der Leistung. Schlupflöcher bieten diese Möglichkeit noch immer. Je nach Krankheitsbild können die Betroffenen auch nicht bei den begutachtenden ärztlichen Diensten erscheinen, ein Aufsuchen in der häuslichen Umgebung wird alternativ aber gar nicht erst angeboten. So wird dann lieber nach Aktenlage entschieden und das Ergebnis entspricht in den seltensten Fällen der tatsächlichen Situation.    

Die Grundsicherung deckt ja selbst bei Erhalt nicht den tatsächlichen Bedarf eines Menschen ab. Wer Hartz4 bezieht, lebt unterhalb der Armutsgrenze. „Zuviel zum Sterben, zu wenig zum Leben“, so bezeichnete es mal einer meiner Klienten. Oft bleibt nur der Weg zur Tafel, wenn man denn eine Möglichkeit hat, dorthin zu gelangen. Vor den Menschen, die sich bei der Tafel oder anderweitig für andere engagieren, ziehe ich meinen Hut. Aber ist es nicht beschämend, dass es in einem so reichen Land wie Deutschland überhaupt notwendig ist, von privater Seite solche Hilfsangebote zu schaffen?  Von der Möglichkeit zur kulturellen Teilhabe am Leben wollen wir mal gar nicht reden.

Menschen ohne Obdach haben zumeist schwere Schicksalsschläge hinter sich. Vielleicht habe sie auch zunächst ihre Arbeit und dann ihre Wohnung auf einem immer schwierigeren Wohnungsmarkt verloren. Egal, welches Lebensereignis sie auf die Straße gebracht hat, Enttäuschungen und verloren gegangenes Vertrauen spielen immer eine Rolle.

Theoretisch haben Wohnungslose Anspruch auf Sozialleistungen. Viele könnten ALGII beziehen. Die Jobcenter verlangen jedoch zumeist eine engmaschige Meldepflicht. Anstelle hier neues Vertrauen aufzubauen, werden Wohnungslose durch diese Vorgaben zusätzlich diskriminiert. Gleichbehandlung mit anderen Leistungsberechtigten? Fehlanzeige! Der wahrscheinliche Grund dahinter: Der-/Diejenige könnte sich ja theoretisch in einer anderen Kommune aufhalten und dann wäre diese für die Zahlung zuständig. Die wenigsten Wohnungslosen reisen aber ständig durch die Welt. Durch die zumeist im Rhythmus von 2-3 Tagen auferlegte Meldepflicht wird ihnen ein ständiger Rechtsbruch unterstellt.

So gewinnt man kein Vertrauen. Wer den Termin mal verschläft, steht sofort ohne Geld da, denn das wird ja auch nur für 2-3 Tage ausbezahlt. Ebenso schnell erfolgt die Abmeldung von der Krankenkasse.

Ich empfinde diese Art des Umgangs als unerträglich. Warum werden sie nicht wie alle anderen Menschen behandelt? Der Aufwand der Mitarbeiter in den Jobcentern für die ständig neu auszustellenden Leistungsbescheide dürfte zudem auch nicht im Verhältnis zur evtl. finanziellen Einsparung stehen. Wo bleibt in diesem System der Mensch? Es gibt unzählige Beispiele, wo es hakt. Der ältere Herr, der mit seiner Immunerkankung zum Arzt muss und nicht mehr richtig laufen kann. Ansonsten ist er aber noch ganz fit und so verweigert die Krankenkasse die Kostenübernahme. Oder der früher Selbstständige und privat Versicherte, der in seinem Nottarif  eingeordnet wurde, bei dem die Kasse nur die Kosten für die Behandlung übernimmt, wenn vorher eine hausärztliche Einweisung vorliegt. Der Hausarzt muss aber Allgemeinmediziner sein, sonst gibt es nur einen Teil der Kosten erstattet. Er ist Internist und in dem Wohnort gibt es keinen anderen? Pech gehabt! Der Miethai, der einen unangemessenen Mietpreis für eine sanierungsreife Wohnung verlangt, weil er es dank der Wohnungsnot kann…